Von Sebastian Hoff (HAZ vom 31.12.2009)

Es gibt Gebäude, die haben eine Geschichte zu
erzählen. Die Geschichte des Hauses in der Brabeckstraße 16 ist
besonders lang. Sie beginnt etwa um 1640 – und wäre vor gut einem Jahr
fast zu Ende gewesen: Damals drohte der Abriss des ehemaligen Kötnerhofs
Nummer 25, in dem mehr als 200 Jahre lang eine Gaststätte betrieben
wurde. Doch die Kirchröder kämpften um ihren „Kronprinzen“ und hatten
Erfolg: Das Haus wurde mit den Gebäuden rund um die Jakobikirche unter
Ensembleschutz gestellt und soll nun im kommenden Jahr aufwendig saniert
werden. Renate Möllers und Joachim Preiser vom Bürgerverein Kirchrode
haben sich besonders für den Erhalt des historischen Fachwerkhauses
eingesetzt.
Als sie an einem trüben Dezembertag gemeinsam mit
dem Architekten Reszö Balassa das verlassene Gebäude in Augenschein
nehmen, erinnern sie sich an frühere Zeiten in der Gaststätte „Zum
Kronprinzen“: „Hier haben wir unsere Vereinssitzungen abgehalten“, sagt
Preiser, als er durch einen Nebeneingang das Gebäude betritt. Wenig
später steht er in der ehemaligen Schankstube: „Und hier war die Theke.“
So wie Preiser dies sagt, könnte man denken, dass ihm jeden Moment ein
Bier gereicht wird. Doch in der ehemaligen Traditionsgaststätte werden
schon lange keine Getränke mehr serviert. Das Gebäude steht seit Jahren
leer und verfällt, ein muffiger Geruch durchweht inzwischen die Räume.
An einigen Stellen sind die Wände eingerissen, um den Blick freizugeben
auf die darunter liegende Bausubstanz. Im Restaurant ist ein
großformatiges Bild auf der Tapete zu sehen: eine Ansicht der
Brabeckstraße um 1950. „Hoffentlich kann das Bild gerettet werden“, sagt
Möllers. Die Wand, auf dem die Tapete klebt, soll allerdings eingerissen
werden – wie fast alle anderen Wände auch, erklärt Architekt Balassa.
„Vor etwa einem Jahr habe ich zum ersten Mal mit dem Investor hier
gestanden und überlegt, wie wir das Haus retten können“, erinnert sich
Balassa.
Der Investor, der nicht genannt werden möchte, hat
den Architekten beauftragt, das Gebäude für eine spätere Nutzung zu
sanieren: Während sich an der Fassade und am Dach optisch nur wenig
ändern wird, soll das Innere komplett entkernt werden und ein großer
Raum entstehen. Dann werden nur noch die Stützen des Fachwerks zu sehen
sein, das erstaunlich gut erhalten ist und nur an einigen Stellen
ausgebessert werden muss. Da alle Außen- und Innenwände eingerissen
werden, wird es während der Sanierung einen Moment geben, in dem nur
noch das „nackte Gerippe“ steht. Dann kann auch das Stahl- und
Betonfundament gegossen werden, auf dem das Gebäude später stehen soll.
Bereits in wenigen Wochen werden die Räume und die Reste der Einrichtung
verschwunden sein: Die ehemalige Küche voller Spritzer und Rußflächen
zum Beispiel, in der zuletzt Pizzen gebacken wurden. Oder die winzige
Kammer ohne Heizung, in der vermutlich einmal Angestellte übernachtet
haben. Auch die kleine Wohnung im Anbau wird eingerissen. Wer auch immer
hier wohnte – er musste sehr genügsam sein: Die Räume sind niedrig, Bad
und Küche weisen einen äußerst bescheidenen Komfort auf. Eine schmale
Stiege führt auf den Dachboden. Balassa leuchtet den Weg mit einer
Taschenlampe. Es ist düster hier oben. Balken und Sparren sind
geschwärzt. „Hier muss früher eine Räucherei gewesen sein“, vermutet der
Architekt. An einer Seite des Daches wurden Schäden aus dem Zweiten
Weltkrieg notdürftig repariert. Durch die Spalten fällt ein wenig
Tageslicht herein. Der Gang durchs Gebäude ist wie eine Zeitreise durch
die Geschichte: Die Chronik von Kirchrode erzählt davon, dass hier
früher Kirchgänger ihre Pferde ausspannten. Anfang des 18. Jahrhunderts
soll das kinderlose Besitzerpaar einen Findling aufgenommen und den Hof
später an das Kind vererbt haben. Im Laufe der Jahrzehnte haben Besitzer
und Namen immer wieder gewechselt. Und über Generationen hinweg wurden
in dem Haus fast ausschließlich Mädchen geboren. Der „Kronprinz“ war
also die meiste Zeit über fest in Frauenhand. Möllers und Preiser haben
sich viel mit der Geschichte des Gebäudes beschäftigt, doch jetzt werden
sie von Balassa mit der Zukunft konfrontiert: Ein Neubau soll künftig
das Hauptgebäude mit der ursprünglichen Scheune verbinden, die um 1900
zum Tanzsaal umgebaut wurde. Später eröffneten in dem Nebengebäude
einige Geschäfte. Inzwischen sind jedoch fast alle Läden geschlossen.
Anfang kommenden Jahres wird auch der Blumenladen an der Brabeckstraße
ausziehen, dann kann hier ebenfalls mit der Sanierung begonnen werden.
Auch das wird eine Herausforderung für den Architekten Balassa: Die
Gebäudeseiten neigen sich sichtbar nach außen. Damit das Haus nicht
einfach auseinanderfällt, wurden die Wände bereits vor Jahrzehnten mit
Stahlseilen befestigt. Über die mussten die Bewohner des Dachbodens
steigen, um in die hinteren Zimmer zu gelangen. Einrichtung, Poster und
Aufkleber erinnern an die achtziger Jahre. Auf einer Wand steht in
großen Lettern: „Männerfreie Zone“. Möllers staunt, als sie die Räume
betritt. Davon war ihr nichts bekannt – obwohl sie in dem Haus oft zu
Besuch war: „Ich hatte guten Kontakt zu der Frau, die hier zuletzt
gewohnt hat“, erzählt Möllers. Die Einliegerwohnung im hinteren Teil des
Gebäudes sieht noch so aus, als könne hier sofort wieder jemand
einziehen. Doch auch sie wird komplett abgerissen. Der Rundgang ist
beendet. Die Mitglieder des Bürgervereins stehen mit Balassa auf dem
kleinen Platz vor dem „Kronprinzen“. „Was wird aus dem Schriftzug?“,
möchte Preiser noch wissen. „Der muss doch unbedingt erhalten bleiben.“
Balassa scheint ihm innerlich zuzustimmen. Doch welche Pläne der neue
Mieter hat, weiß er nicht. Vielleicht wird an der Stelle auch Werbung
angebracht, sagt Balassa. In ein paar Jahren wird sich vielleicht kaum
noch jemand an die Gaststätte namens „Zum Kronprinzen“ erinnern. Doch
die Geschichte des fast 400 Jahre alten Gebäudes im Schatten der
Jakobikirche kann auf jeden Fall weitergeschrieben werden.